Präsidentin des Moskauer Puschkin-Museums: Beutekunst-Verfechterin Irina Antonowa gestorben

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Oft trat sie wie ein militärischer Feldwebel auf: in strengem Kostüm, mit dem befehlsgewohnten Tonfall einer Präsidentin. In Deutschland war Antonowa als resolute Hüterin jener Kunstschätze bekannt, die Sowjetsoldaten nach dem Zweiten Weltkrieg nach Moskau brachten.

Sie wisse, das Thema Beutekunst sei für manche deutsche Museumsleute schmerzhaft, sagte Irina Antonowa in einem Interview vor einigen Jahren. Die "Beute" galt als Entschädigung für Kriegsverluste, die auf das Konto plündernder und brandschatzender Nazis gegangen waren.

Antonowa war im Alter von 91 Jahren 2013 als Museumsdirektorin zurückgetreten und hatte ihr Lebenswerk an die Kunstwissenschafterin Loschak übergeben. Antonowa hatte noch unter Sowjetdiktator Josef Stalin 1945 ihre Arbeit im Puschkin-Museum begonnen. So sprach sie auch fließend Deutsch.

Es gehörte zu ihrem Vermächtnis, dass ein russisches Gesetz gegen den Protest Deutschlands die "verlagerten Kulturgüter" als Wiedergutmachung festschreibt.

Der von Heinrich Schliemann 1873 entdeckte Schatz des Priamos und das Gold von Eberswalde - beides lagert im Puschkin-Museum - gehörten inzwischen rechtmäßig Russland.

Sie verwies immer darauf, dass weltweit die Museen und große Kunstsammlungen voll seien mit Raubkunst und Beute aus Eroberungsfeldzügen und Kriegen. Bald machte sie sich mit ihrem vehementen Einsatz für die russische Beutekunst in der Kunstwelt einen Namen. Und sie war eine Kämpferin. Sie wehrte sich stets gegen Berichte, sie habe nach dem Krieg selbst Beutekunst ausgesucht. Zu Sowjetzeiten organisierte sie in Russland die erste Kunstschau mit Arbeiten des Surrealisten Salvador Dalí und holte die "Mona Lisa " von Leonardo da Vinci nach Moskau. Die als "Hüterin der Beutekunst" bekannte Präsidentin des Puschkin-Museums in Moskau sei am Montag im Alter von 98 Jahren gestorben, teilte das Museum mit.

Noch zu ihrem 90. Geburtstag ließ sie verlauten, dass kein Ende ihrer Museumsarbeit abzusehen sei.

Wenige Tage vor ihrem Tod sei eine akute Corona-Infektion bei ihr nachgewiesen worden, die andere Krankheiten bei ihr noch verschärft hätten, teilte das Puschkin-Museum der russischen Nachrichtenagentur Interfax mit.

Nach Ende des Kalten Krieges öffnete sie die Geheimdepots mit Beutekunst, nachdem Moskau bereits zu DDR-Zeiten große Mengen etwa an die Gemäldegalerie in Dresden zurückgegeben hatte.

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