Der Vormensch lief auf zwei Beinen durch Europa

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Man muss sich Danuvius rein äußerlich vielleicht vorstellen wie ein Verwandter der kleinen Menschenaffen, die wir als Zwergschimpansen oder Bonobos kennen.

Der neu entdeckte mögliche Vorfahr von Mensch und Menschenaffe habe sich wohl bereits vor fast zwölf Millionen Jahren auf zwei Beinen fortbewegen können.

"Das ist eine Sternstunde der Paläoanthropologie und ein Paradigmenwechsel", sagt Böhme.

Bisher gilt Afrika als jener Kontinent, auf dem sich die frühen Vorfahren des Menschen entwickelt haben. Udos wissenschaftlicher Name: Danuvius guggenmosi - nach Hobby-Archäologe Siegfried Guggenmos, der die Fundstelle in den 70er Jahren entdeckte. Und tatsächlich deuten Böhme und ihre Kollegen ihren Fund als eine Art gemeinsames Vorläufermodell von Menschenaffen und Menschen - mit der großen Besonderheit einer Fortbewegungsart, die sie dank der langen, extrem beweglichen Gliedmaße als "extended limb clambering" - eine Art Langarmlangbeinklettern - bezeichnen und die man so jedenfalls bisher nicht kannte. "Zu unserem Erstaunen ähnelten einige Knochen mehr dem Menschen als dem Menschenaffen", erklärt Böhme.

Das am Mittwoch präsentierte Fossil hat den Beinamen Udo bekommen - nach Sänger Udo Lindenberg. Sie beweisen: Der erste Menschenaffe, der aufrecht ging, lebte nicht in Afrika - sondern in Süddeutschland! Die bislang ältesten Belege für den aufrechten Gang sind rund sechs Millionen Jahre alt und stammen von der Insel Kreta und aus Kenia. Den Unterkiefer des Primaten entdeckten die Wissenschaftler am 17. Mai 2016 - Udo Lindenbergs 70. Geburtstag. "Seine Songs liefen an diesem Tag im Radio rauf und runter".

Aus der Tongrube im Ostallgäu bargen die Paläontologen 37 Einzelfunde. Die Funde konnten mindestens vier Individuen zugeordnet werden. Er hatte außerdem X-Beine und ein stabiles Fußgelenk - für Menschenaffen, die sich kletternd fortbewegten, wäre beides ungeschickt. "Damit ließ sich rekonstruieren, wie sich Danuvius fortbewegte", sagte Böhme.

"Danuvius kombinierte die von den hinteren Gliedmaßen dominierte Zweibeinigkeit mit dem von den vorderen Gliedmaßen dominierten Klettern", sagt David Begun von der University of Toronto. Nach Einschätzung der Forscher war der "neue Vorfahr des Menschen" etwa einen Meter gross. Die Weibchen, von denen ebenfalls Teile eines Exemplars in der Tongrube gefunden wurden, dürften etwa 18 Kilogramm gewogen haben, das gefundene Männchen 31 Kilogramm. Bisher war unklar, wie sich die Fähigkeit der Fortbewegung auf zwei Beinen entwickelte.

Für Tracy Kivell, Anthropologin an der University of Kent, beantwortet der Fund einige noch offene Fragen: Zusammengenommen böten die Funde das bislang beste Modell, um zu zeigen, wie ein gemeinsamer Vorfahr von Mensch und afrikanischen Menschenaffen ausgesehen haben könnte, erklärt Kivell, die selbst nicht an der Analyse beteiligt war, in einem begleitenden Kommentar in Nature.

Böhme zufolge ernährte sich Danuvius eher von härteren Pflanzenteilen als von weichen Blättern.

Die Jahresdurchschnittstemperatur habe damals etwa 14 Grad über der heutigen gelegen, erläutert Böhme.

Nach Einschätzung Böhmes dürften weitere Funde die Erkenntnisse aus dem Danuvius-Fund stützen. Von einem Weibchen wurden bereits Zähne, einen Zahn, ein Finger und ein kompletter Oberschenkel ausgegraben. Auch von einem jungen Exemplar liegen gut erhaltene Reste vor.

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