Wie der neue Corona-Cluster in Wien entstanden ist

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Untergebracht werden die Soldaten und Zivildiener in Gebäuden des Bundesheeres. Indes wurde der Cluster auch zum Spielball der Politik.

Die Nachverfolgung der Ansteckungskette war noch nicht abgeschlossen. Letztstand bei den Infiziertenzahlen am frühen Montagabend: 70 in Wien wohnhaft positiv Getestete in Inzersdorf und 88 in Hagenbrunn (davon 19 in NÖ wohnhaft und 69 in Wien).

Neben dem Einsatz im Logistikzentrum der Post in Hagenbrunn (Bezirk Korneuburg) in Niederösterreich wird das österreichische Bundesheer ab Donnerstag auch im Postzentrum Wien-Inzersdorf Dienst versehen. Das habe sich "explosionsartig entwickelt". Dennoch habe es vor der nunmehrigen Häufung in Hagenbrunn und Wien-Inzersdorf nur Einzelfälle von Infektionen gegeben, "keine 100" österreichweit, auch in Logistikzentren. 397 Bedienstete seien im Schichtbetrieb tätig, betonte Verteidigungsministerin Klaudia Tanner (ÖVP) am Montag bei einem Besuch der Einrichtung. Sei diese eingelangt, werde das Bundesheer ebenfalls zur Stelle sein, kündigte Tanner an.

In der Logistikzentrale eines großen Möbelhauses in Wien-Floridsdorf waren unterdessen ebenfalls sechs Mitarbeiter an Covid-19 erkrankt.

Die Häufung der Fälle in den beiden Zentren dürfte auf Leiharbeitsfirmen zurückgehen, deren Mitarbeiter bei der Post eingesetzt werden.

Wegen der Häufung bei Leiharbeitern wurde in Wien zudem ein Kindergarten vorübergehend geschlossen, weil sich eine Mitarbeiterin und ein Kind mit Sars-CoV-2 infiziert haben. Es gab keine weiteren Erkrankten.

Im Bereich von Pflege-, Obdachlosen- und Flüchtlingseinrichtungen kündigte die Stadt weitere großflächige Tests an. Nur zehn Prozent der Wiener Betroffenen wiesen offenbar Symptome auf. "Die haben wir auf diesem Weg ausfindig gemacht", sagte der Sprecher. Die Verbindung mit einem Bewohner der Flüchtlingsunterkunft in Erdberg mit einem Mitarbeiter im Postzentrum war hier Ursache, dass man auf die Fälle aufmerksam wurde. Dies habe die genaue Betrachtung der jüngsten Zahlen - viele der in Hagenbrunn tätigen Arbeiter leben in Wien - ergeben. Der Einsatz sei demnach kein Kostengrund, sondern entspreche den "Realitäten unserer Arbeitswelt". Der Ressortchef bezeichnete die Infektionszahlen in Wien als "besorgniserregend", relativierte dann aber: "Die Zahlen in Wien sind so, dass sie beherrschbar sind, aber sie sind deutliche höher als in anderen Bundesländern".

Mehr als die Hälfte der noch aktiven Erkrankungen mit dem Coronavirus entfällt auf Wien, auch bei den Neuinfektionen liegt die Bundeshauptstadt vorne. Denn auch die Post - auch wenn deren Verteilzentren nun stark betroffen seien - sei nicht unmittelbar dafür verantwortlich zu machen. Infektions-Cluster in einzelnen Bereichen seien zu erwarten gewesen. Die Gesundheitsbehörden beider Länder haben aus seiner Sicht "die richtigen Schritte gesetzt". Er bot die Mithilfe der AGES an und sah im Unterschied zu Nehammer einen guten Informationsaustausch mit Wien. Die Zahl der mit dem Virus in Zusammenhang stehenden Verstorbenen beträgt somit - mittlerweile seit einer Woche - weiterhin 144. "Wir arbeiten engstens und bestens mit dem Gesundheitsministerium zusammen".

Sieben der neuen Fälle wurden bei einem Screening in einer Flüchtlingseinrichtung in Mariahilf entdeckt, sagte ein Krisenstabsprecher auf APA-Nachfrage. Alle vom Innenminister geforderten Infos lägen beim Bund - und zwar beim für Epidemien zuständigen Gesundheitsministerium.

Er habe sich deshalb auch über die - Nehammers zeitgleich geäußerter Kritik widersprechenden - Aussagen von Ressortchef Rudolf Anschober (Grüne) gefreut, wonach es einen guten Informationsaustausch mit Wien gebe. "Wir machen jeden Tag Videokonferenzen, hören uns, schreiben uns SMS", führte Hacker aus. Mit Flüchtlingen habe dies nichts zu tun.

"Es ist ein Thema, das im Übrigen keine Causa Wien ist, wo Wien und Niederösterreich betroffen sind und hervorragend zusammenarbeiten", sagte Anschober bei einer Pressekonferenz.

In den vergangenen Tagen hatte sich im Hinblick auf die Pandemiebekämpfung zwischen der Stadt Wien und Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) ein politischer Schlagabtausch entwickelt.

"Damit werden eine ganze Branche und ihre ArbeitnehmerInnen in einem negativen Licht dargestellt", so Arbeitgebervertreter Erich Pichorner, Bundesvorsitzender der Personaldienstleister im Fachverband der gewerblichen Dienstleister, und Thomas Grammelhofer, Bundesbranchensekretär Arbeitskräfteüberlassung in der Gewerkschaft Pro-Ge, in einer gemeinsamen Aussendung.

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