WELT THEMA: Streit um Strategie auf dem NATO-Gipfel in London

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Frankreichs Präsident Emmauel Macron hat eine grundlegende Diskussion über die strategische Ausrichtung der Nato gefordert. Nun lenkt er seinen Zorn aber auf den französischen Präsidenten. In London stehen der NATO-Gipfel und der Besuch von US-Präsident Donald Trump ohnehin eher im Zeichen des britischen Wahlkampfs. Macrons Aussage sei "sehr beleidigend" und "sehr, sehr bösartig" gegenüber den anderen 28 Mitgliedstaaten der Nato, beschwert sich Trump.

Am Mittwoch verteidigte Macron seine Aussagen.

Selbst wenn Trump sich zurückhält, bleiben gezielte Provokationen bei der Feier des 70-jährigen Bestehens der Allianz nicht aus.

In der Londoner Erklärung erkennen die Nato-Partner erstmals auch die "Herausforderungen" durch das stärker werdende China an, ohne dies aber als Bedrohung einzustufen. Mit Russland soll der Dialog aber fortgeführt werden. Macron hatte der Nato vor Wochen den "Hirntod" bescheinigt. Die USA dagegen profitierten am wenigsten von dem Bündnis.

Die Nato diene nach wie vor einer großen Sache und sei viel flexibler geworden, so Trump. Macron habe innenpolitische Probleme wie Arbeitslosigkeit, eine schlechte Wirtschaftslage sowie die Proteste der Gelbwesten.

Trump und Macron kommen am Nachmittag zu einem bilateralen Treffen zusammen. Frankreich ist erbost über den abrupten Abzug der amerikanischen Truppen aus Syrien und den anschliessenden Einmarsch der Türken in Nordsyrien - beides Entscheide zweier Nato-Mitglieder, die diese trafen, ohne die anderen Mitglieder zu konsultieren.

Dazu zähle eine gemeinsame Definition von Terrorismus, sagte Macron. Dieser war 1987 zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion geschlossen worden und verbot beiden Ländern den Bau und die Stationierung von landgestützten Raketen und Marschflugkörper mit kürzerer und mittlerer Reichweite (500 bis 5500 Kilometer) vor. "Aber ich stehe dazu". Diese fehle bisher. Die Türkei kämpfe in Nordsyrien gegen jene, die vorher an der Seite der westlichen Partner gegen die Terrororganisation "Islamischer Staat" gekämpft hätten.

Davor hatte der NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg Trumps Drängen auf eine Erhöhung der Verteidigungsausgaben explizit gelobt. Hinter verschlossenen Türen stritten Merkel, Macron und der britische Premier Boris Johnson mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Erdogan.

Streit gibt es mit der Türkei auch wegen des Kaufs eines russischen Raketenabwehrsystems. Macron übte auch daran Kritik, während sich Trump verständnisvoll äußerte und die Türkei generell lobte.

Trump nahm zwar auch diesmal Deutschland wegen zu niedriger Militärausgaben ins Visier und drohte vage mit möglichen Reaktionen im Handel.

Zu Russland heißt es wie in früheren Nato-Erklärungen, dessen aggressive Handlungen stellten eine "Gefahr für die euro-atlantische Sicherheit" dar.

Deutschland kommt nach Nato-Daten 2019 auf 1,38 Prozent. Die Nato hat sich mindestens zwei Prozent jedes einzelnen Mitgliedstaats zum Ziel gesetzt. Das tat er auch am Dienstag am Rande des Nato-Gipfels in London - und das auf eine ziemlich ungewöhnliche Art.

"Das ist nicht fair", monierte der US-Präsident. Damit zeigte sich Trump sichtlich zufrieden und schrieb dies seinem eigenen Einsatz zu. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg betonte, die Allianz wolle China aber nicht als "neuen Gegner" einstufen. Dabei verwies er auf die hohen Verteidigungsausgaben Chinas. Wie häufig nennt er mit "1 bis 1,2 Prozent" falsche Zahlen, denn zuletzt stieg der Verteidigungshaushalt auf 1,4 Prozent. Das rüttelt an den Grundfesten des transatlantischen Bündnisses, denn die USA sind mit ihrem Atomarsenal traditionell Schutzmacht für Deutschland und andere europäische Staaten. Showdown: 14 Uhr (MEZ) im Luxus-Hotel "The Grove" vor der Toren Londons. Am Mittwoch folgt der eigentliche Gipfeltag mit einer Arbeitssitzung der Staats- und Regierungschefs.

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