Proteste und Brände in Russland : Wladimir Putins unbequemes Jubiläum

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Damals, an jenem 9. August 1999, hätten wohl nur die wenigsten Beobachter geglaubt, dass der eher kleine und schmächtige Arbeitersohn, der beim KGB Karriere gemacht hatte, in wenigen Jahren zu einem der mächtigsten Männer der Welt aufsteigen würde. Eine Zeitung bescheinigte ihm den "Charme eines getrockneten Haifisches".

Am 31. Dezember 1999 erklärte Jelzin seinen Rücktritt, Putin wurde zum amtierenden Staatschef. Diese Position hat er seitdem inne - mit Ausnahme der Periode von 2008 bis 2012, in der Putin Ministerpräsident war.

20 Jahre ist es her, dass Wladimir Putin an die Macht kam. In Moskau prügeln Uniformierte zurzeit immer wieder auf friedliche Demonstranten ein, die freie Wahlen zum Stadtrat am 8. September fordern. Kritik des Westens an den Gewaltexzessen, an der Verletzung von Menschenrechten, an den Einschränkungen der Presse- und Meinungsfreiheit prallen seit Langem an den Kreml-Mauern ab.

Die Unzufriedenheit im Land ist groß - egal, ob Bauprojekte oder Müllhalden. Oft geht es um Willkür von Behörden, die Projekte durchziehen, ohne dass sich Bürger beteiligt fühlen. In Sibirien brennt zum Entsetzen vieler Menschen seit Wochen die Taiga - der für das Weltklima wichtige Waldgürtel -, weil Behörden beim rechtzeitigen Löschen versagten. Angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Lage im Land fragen sich viele, warum die Probleme in Putins 20. Jahr an der Macht nicht weniger werden. Erst im Jahr 2000 wurde er Präsident und war zwischendurch noch einmal Regierungschef. Er sprach von Frieden, Abrüstung und einer verstärkten Annäherung zwischen Europa und Russland. Eines aber schwingt fast immer mit, wenn die Rede auf den Kremlchef kommt: Respekt. Im Jahr darauf vollzog die Nato ihre erste Osterweiterung.

Tatsächlich kreiste Putins Präsidentschaft von Anfang an um die Wiedergewinnung von nationaler Würde. Moskau will Supermacht sein - auf Augenhöhe mit den USA. Moskaus Lesart: Die Invasionen der USA im Irak 2003 und westlicher Länder in Libyen 2011 haben nur Chaos hinterlassen. Putin wird im In- wie im Ausland bewundert und gefürchtet, verehrt und gehasst.

Doch fünf Jahre nach der Einverleibung der Krim herrscht "Putin-Dämmerung".

Die von der EU und den USA verhängten Sanktionen wegen des Ukraine-Konflikts lasten zudem schwer auf der stolzen Rohstoffmacht Russland. Die einfachen Bürger schimpfen massiv über steigende Preise.

Russlands überbordende Investitionen auf der Krim, die Verwicklung in den Krieg in Syrien sowie ambitionierte Rüstungsprojekte kosten Milliardensummen. Vergeblich. Erfolglos blieb auch der Widerstand gegen das Ausgreifen der Nato: Im März 2004 traten weitere sieben Länder des ehemaligen Sowjetblocks der Militärallianz bei. Das hänge vor allem damit zusammen, dass die russische Wirtschaft nicht erneuert worden sei und sich nach wie vor auf Öl- und Gasexporte verlasse: "Damit wird sie abhängig von den Weltmarktpreisen für die Energierohstoffe". Fast unbemerkt von der Weltöffentlichkeit hat Putin die größte globale Goldspekulation seit Jahrzehnten gestartet. Der kraftmeierische Auftritt und der kultivierte Polit-Machismo kamen an.

Seither hat Putin es verstanden, die einzelnen Kraftzentren - das Militär, die Geheimdienste und die Oligarchen - unter Kontrolle und sich so im Amt zu halten.

Doch häufen sich längst Zweifel, ob Putin das Land wirklich noch in eine bessere Zukunft führen kann.

Wladimir Putin korrigiert gerne jeden, der ihn an das 20-jährige Jubiläum seiner Macht erinnert: Die Macht in Russland habe der Präsident, sagt der 66-Jährige.

2024 endet Putins gemäß Verfassung vorläufig letzte Amtszeit.

Putin, daran gibt es im Jahr 2019 keine Zweifel mehr, hat Russland in seinem Ringen um Würde in eine Autokratie mit Zügen einer Diktatur verwandelt. "Es stehen noch fünf Jahre anstrengender Arbeit bevor. Und in einer solchen stürmischen Dynamik, wie wir sie jetzt in der Welt beobachten, ist es schwer, Vorhersagen zu treffen", meinte er. Ein Nachfolger ist jedenfalls nicht in Sicht.

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