Deutsche Krankenhäuser lebensgefährlich: Gibt es zu viele Kliniken?

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Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) Nordwest hält die Diskussion über die Zahl der Pflegeberufe für lange überfällig.

Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung kommt zu dem Ergebnis: Rund jedes zweite Krankenhaus in Deutschland sollte schließen, die verbliebenen können dann als "Spezialkliniken" ausgebaut werden. Die Linke wirft der Bertelsmann-Stiftung mit der Studie eine Zerstörung der sozialen Infrastruktur vor, wenn von 1.400 Krankenhäusern 800 geschlossen werden sollen.

Jede dritte Klinik in Deutschland hat laut der Deutschen Krankenhausgesellschaft 2017 rote Zahlen geschrieben.

Besser ausgestattet aber schlechter erreichbar?

So soll es auf der einen Seite Versorgungskrankenhäuser mit durchschnittlich 600 Betten und auf der anderen etwa 50 Unikliniken sowie andere Maximalversorger mit je etwa 1300 Betten geben. Denn eine Konzentration von Standorten würde zu einer besseren Ausstattung der Krankenhäuser sowie zu einer höheren Spezialisierung und einer besseren Versorgung durch Fachärzte und Pflegekräfte führen, zeigen sich die Experten überzeugt. Wenn bestimmte Operationen unterhalb der Mindestmenge durchgeführt wurden, dann häufig nur, weil zulässige Ausnahmen oder Notfälle vorgelegen hätten, hieß es.

Außerdem macht Gundula Bitter-Schuster bei der Bertelsmann-Studie einen gravierenden Fehler aus: Es sei nur die Region Köln/Leverkusen mit dem angrenzenden ländlichen Raum betrachtet worden. Denn in der Wahrnehmung vieler Patienten spielt nicht nur die Qualität der Behandlung, sondern auch die Anfahrtszeit eine wichtige Rolle.

Der flächendeckende Zugang zu medizinischer Versorgung sei das zentrale Qualitätsmerkmal eines jeden Gesundheitswesens, sagte Gaß weiter.

In der Bertelsmann-Studie heißt es dagegen, die schnelle Erreichbarkeit eines kleinen Krankenhauses sei nur ein vermeintlicher Vorteil. Begründet wurde dies damit, dass viele Krankenhäuser zu klein seien und nicht über die nötige Ausstattung und Erfahrung verfügten. "Wir brauchen im Gegenteil eine Umstrukturierung kleinerer Kliniken in poliklinische Versorgungszentren, die aus einer Hand ambulante, stationäre und Noftallleistungen anbieten", sagte Kessler. Insgesamt gibt es in Deutschland 1942 Krankenhäuser, darunter aber zum Beispiel auch psychiatrische Kliniken, die in der Studie nicht berücksichtigt wurden. Er räumte aber ein, dass in Ballungsgebieten größere Strukturen "durchaus sinnvoll" sein könnten. Die sogenannten Rationalisierungsreserven seien mittlerweile ausgeschöpft, hatte die Krankenhausgesellschaft erklärt.

Auch bei Krankenhäusern und Ärzten stießen die Empfehlungen auf Widerstand, darunter bei der Krankenhausgesellschaft Mecklenburg-Vorpommern.

Die Bundesärztekammer nannte die Vorschläge befremdlich. Dadurch könnten Abläufe vereinfacht und die zunehmende Arbeitsverdichtung gemildert werden. Zunächst haben führende deutsche Krankenhausexperten wie Professor Boris Augurzky vom RWI, Professor Reinhard Busse von der TU Berlin oder Professor Max Geraedts von der Uni Marburg ein Zielbild entwickelt, das sich an den genannten Kriterien orientiert. Reinhardt sprach sich dafür aus, "mehr als bisher die sektorübergreifende Versorgung gemeinsam mit den niedergelassenen Ärzten" auszubauen.

"Wer auch immer mit welchen Ideen den Krankenhaussektor verändern will, muss dem grundgesetzlichen Auftrag der Daseinsvorsorge, der Gleichheit der Lebensverhältnisse und dem Feuerwehrwehr-Prinzip der Krankenhäuser im Katastrophenfall gerecht werden", mahnte er. Bei einem Großteil der Krankenhausbehandlungen handele es sich um medizinische Grundversorgung, wie Geburten oder altersbedingte Krankheitsbilder der Inneren Medizin. Sie verwies darauf, dass die einzelnen Bundesländern für die Krankenhausplanung verantwortlich seien.

Das Bundesgesundheitsministerium hat zurückhaltend auf die Studie reagiert. Landes- und Kommunalpolitikern müssten diese Fragen gemeinsam mit den Ärzten diskutieren. Es gehe aber nicht nur "um die schiere Anzahl von Häusern", sondern um eine erreichbare und qualitativ hochwertige Versorgung.

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