Bayer will trotz reduzierten Glyphosat-Urteils Berufung - Schlaglichter

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Für Bayer ist es ein "Schritt in die richtige Richtung", doch der große Wurf ist es nicht: Zwar hat Richter Vince Chhabria aus San Francisco den Schadensersatz im zweiten Prozess um das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat kräftig gesenkt, doch am Kern des Urteils hat er festgehalten: Danach ist das von der Bayer-Tochter Monsanto vertriebene Glyphosathaltige Unkrautvernichtungsmittel Roundup verantwortlich für die Krebserkrankung des Rentners Edwin Hardeman. Im jüngsten Fall im Mai hatte eine US-Jury einem an Krebs erkrankten Rentnerehepaar insgesamt sogar umgerechnet gut zwei Milliarden Dollar zugesprochen. Der zuständige Richter Vince Chhabria reduzierte die von einer Jury verhängte Summe von gut 80 Millionen Dollar am Montag (Ortszeit) auf 25.3 Millionen Dollar (22.5 Mio Euro). Bayer hat am Abend noch angekündigt, Berufung einzulegen.

Der Aktienkurs von Bayer an der Wall Street stieg nach der Entscheidung an - mit einem Tagesplus von knapp 4 Prozent. In erster Linie, weil es nicht hinreichend vor der möglichen Krebsgefahr für Menschen gewarnt hat, die mit Glyphosat (Marken-Name: Roundup) hantieren. Das ging aus Gerichtsdokumenten hervor.

Bayer bestreitet eine solche krebserregende Wirkung des Unkrautvernichters, das Unternehmen verweist auf mehr als 600 Studien, die kein Krebsrisiko festgestellt haben sollen. Der Dax-Konzern ist in den USA mit über 13'400 Klagen wegen angeblicher Krebsgefahren von Monsanto-Produkten konfrontiert. Bayer weist diese Vorwürfe zwar vehement zurück, unterlag aber in den ersten drei US-Prozessen. Deshalb kürzte er ihn jetzt um 55 Millionen Dollar.

Mit diesem Schritt begab sich Bayer nicht zum ersten Mal in das "Hochrisikoland" für Produkthaftungsklagen. Auf das Risikoszenario, das eigentlich kein deutsches Unternehmen aus der produzierenden Industrie mehr unvorbereitet treffen dürfte, weisen auch die Industrie- und Handelskammern immer wieder hin.

Dass Amerika sich zu einem El Dorado für hochvolumige Schadenersatzklagen gegen Konzerne entwickeln konnte, hat diverse Gründe. Das liegt deutlich über den pessimistischen Expertenschätzungen.

Die von der Jury verhängte Strafzahlung befand der Richter aber als deutlich zu hoch. Denn schon im August beginne der nächste Glyphosat-Prozess.

Die Urteile in dem sogenannten "Bellwether Case" sollen dabei helfen, das Schadenausmaß und die Höhe von Vergleichszahlungen besser abzuschätzen.

Richter Chhabria, bei dessen Bezirksgericht in San Francisco mehrere Hundert Klagen gebündelt sind, hat die Parteien bereits zu einer gütlichen Einigung gedrängt.

Zuletzt war Bayer sogar zu einem Schadenersatz von 2,2 Milliarden Dollar verurteilt worden, ob es bei dieser Summe bleibt, ist allerdings noch offen. Damit reiht sich Bayer zum jetzigen Stand in die Reihe der größten Produkthaftungsklagen in der amerikanischen Rechtsgeschichte ein.

Das ist unter anderem auf die äußerst aktive, teil sehr aggressive Strategie der Klägeranwälte zurückzuführen. Um davon auszuscheren, müssen sie selbst aktiv werden, etwa in dem sie auf Ansprüche verzichten. Entweder in Form einer Erfolgsbeteiligung nach einem Urteil oder einem Vergleich. Vergleichbares lässt die Gebührenordnung von Anwälten in Deutschland nicht zu.

Dass Richter Chhabria die unterstellte Verbindung Krebs/Glyphosat nicht verwarf, wie von den Bayer-Anwälten empfohlen, hat Bedeutung. Neben dem eingeleiteten Schlichtungsverfahren mit zahlreichen Klägern, das von einem Staranwalt begleitet wird, könnte der Faktor Zeit noch für den Leverkusener Konzern spielen. In der Hoffnung, dass Berufsrichter in der nächst höheren Instanz die vom Kläger behauptete Kausalkette Krebs/Glyphosat verwerfen. Selbst die größten Milliardenforderungen fielen dann noch in sich zusammen.

Prozessbeobachter sehen in dem Urteil ein weiteres Indiz dafür, dass Bayer am Ende um einen milliardenschweren Vergleich kaum herumkommen wird.

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