Boulevard Danny Boyle: Beatles waren nie meine Lieblingsband

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Zur Zeit des Stromausfalls fährt er gerade mit dem Fahrrad durch den strömenden Regen, wild entschlossen, seine Musik-Karriere ob fehlendem Erfolg für immer an den Nagel zu hängen. Doch verlässt der Zuschauer nach "Yesterday" das Kino nicht nur mit einem guten Gefühl, sondern mit mindestens einem halben Dutzend Ohrwürmer: "Ob-la-di, ob-la-da, life goes on, bra, La-la, how the life goes on!"

Mit dieser wunderbar kuriosen Prämisse spielen Slumdog-Millionär Regisseur Danny Boyle und "Tatsächlich Liebe"-Drehbuchautor Richard Curtis in ihrem Musicalmärchen "Yesterday". Jack zögert nicht lange: Er gibt die Musik der Band aus Liverpool als seine eigene aus und wird zum weltweiten Superstar.

Wie stünde es um unsere Welt, insbesondere um unsere Popkultur, wenn ihr ein paar entscheidende Impulse gefehlt hätten? Auch die Internet-Recherche fördert unter der Abfrage "John Paul George Ringo" nur die beiden verstorbenen Päpste "Johannes Paul" (englisch John Paul) zutage. Wie keine Musikgruppe vor und nach ihnen haben sie schließlich auch die Kultur verändert. Und kreieren eine Alternativwelt, die sich im Grunde genommen gar nicht mal so sehr von der uns allen bekannten besten aller Welten unterscheidet.

Sein ganzes junges Leben hat Jack Malik (Himesh Patel) davon geträumt, als Singer-Songwriter groß rauszukommen. Während auf der gesamten Welt für exakt zwölf Sekunden der Strom ausfällt, wird er von einem Bus angefahren. Käferbilder. Bei den Rolling Stones, ergibt Jacks Suche, hat sich nichts verändert. Den Traum von einer Musikerkarriere hat er längst begraben, nur seine Sandkastenfreundin Ellie (Lily James) glaubt unerschütterlich an ihn, chauffiert ihn von Gig zu Gig und fungiert als seine Managerin. Dem armen Kerl fehlen zwei Schneidezähne. Dann sitzt man wieder zusammen, trinkt Bier und bittet ihn, etwas auf der Gitarre zu spielen. Jack beginnt spielerisch, zupft zum Spaß "Yesterday" in die Runde und muss erfahren, welch enorme Wirkung das hat.

Story: Nach einem Unfall ist Lagerist und Hobbymusiker Jack (Himesh Patel, 28) der Einzige, der sich an die Songs der Beatles erinnern kann. Sich selbst spielend, wird er zum Mentor des vermeintlichen Genies Jack. Aber irgendwie bleibt da die Liebe auf der Strecke.

Auch wenn die Komödie "Yesterday" viel Potenzial verschenkt, hat sie ihre Reize. Immerhin baut sie auf einen anspielungsreichen Detailreichtum, der natürlich auch einen gewissen Kenntnisstand beim Publikum voraussetzt. Es wird beispielsweise diskutiert, ob Jack nicht besser "Yes Yes Yes" statt "Yeah Yeah Yeah", oder "Hey Dude" statt "Hey Jude" singen sollte. Und wie ging noch mal der Text von "Eleanor Rigby"?

Stellen Sie sich mal vor: In einer alternativen Realität kennt niemand die Beatles - außer Ihnen!

Mit "Yesterday" gelingt es Boyle und Curtis einen humorvollen, frischen Blick auf das Werk der Bea-tles zu legen. Ein Album "White Album" nennen? Da "Yesterday" neben dem oben geschilderten Haupthandlungsstrang in der Essenz aber eine Liebesgeschichte bietet, lautet die treffliche Moral, die ihm jene Figur mit auf dem Weg gibt - und somit auch die tragende Botschaft des Films darstellt: "All You Need Is Love".

Himesh Patel, der hier sein Kinodebüt gibt, interpretiert die Stücke dabei absolut passend: Eben wie ein durchaus talentierter Musiker aus den hinteren Reihen, der teils Passagen aus dem Gedächtnis rekonstruieren muss.

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