Sechs Jahre Haft für Ex-Finanzchef des Vatikan

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Pell hätte nach australischem Recht bis zu fünfzig Jahre Haft riskiert, zehn für jeden der fünf Anklagepunkte.

Nach dem Schuldspruch Ende Februar verkündete Richter Peter Kidd jetzt das Strafmaß gegen George Pell, den langjährigen Vatikan-Finanzchef: Für sechs Jahre muss der Kardinal wegen Kindesmissbrauchs ins Gefängnis. Einen Antrag auf vorzeitige Haftentlassung darf der einstige Papst-Vertraute frühestens nach drei Jahren und acht Monaten Haft stellen.

Das fortgeschrittene Alter des Kardinals - er ist 77 Jahre alt - habe das Urteil beeinflusst, so einige Beobachter.

Er war für schuldig befunden worden, sich in den 90er-Jahren an einem 13-jährigen Jungen sexuell vergangen und einen anderen sexuell belästigt zu haben. Richter Kidd fällte zugleich ein harsches Urteil über Pells Charakter: "Aus meiner Sicht war ihr Verhalten von erschütternder Arroganz durchsetzt".

Zwölf Geschworene hatten Pell bereits im Dezember für schuldig befunden, sich 1996 als Erzbischof von Melbourne im Anschluss an eine Messe an zwei Chorjungen sexuell vergangen zu haben. Im folgenden Jahr soll er sich erneut an einem der Jungen vergangen haben. Pell bestreitet alle Vorwürfe. Sein Berufungsprozess wird vermutlich im Juni beginnen.

Pell ist der bislang ranghöchste katholische Geistliche, der wegen Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs verurteilt wurde. "Ich richte nicht über die katholische Kirche". Es gehe ausschliesslich um die Taten des 77-Jährigen, für die er schuldig gesprochen worden sei.

Eines der beiden Missbrauchsopfer äusserte sich am Mittwoch zurückhaltend zum Richterspruch. "Ich schätze es, dass das Gericht gewürdigt hat, was mir als Kind angetan wurde", hieß es in einer Erklärung, die die Anwältin des Mannes, dessen Aussage zur Verurteilung des Kardinals geführt hatte, am Mittwoch verbreitete. Es werde aber für ihn keine "Ruhe" geben. "Das alles wird von der bevorstehenden Revision überschattet", sagte der nur unter dem Kürzel J bekannte Mann weiter. Das zweite Opfer war nach den Vorfällen heroinsüchtig geworden und 2014 an einer Überdosis gestorben. Sein Vater äusserte sich "enttäuscht" über die Höhe der Haftstrafe gegen den Kardinal.

Als Finanzchef war Kardinal George Pell die Nummer drei im Vatikan. Der Kirchenstaat wolle das Berufungsverfahren abwarten. Pell ist also immer noch Priester und Kardinal.

Unterdessen hat auch der Vatikan ein Verfahren eingeleitet.

Der Fall wird nun von der Kongregation für die Glaubenslehre geprüft, einer Zentralbehörde der römisch-katholischen Kirche. Im Fall von Missbrauchsvorwürfen kann sie Untersuchungen einleiten, die im äußersten Fall zum Ausschluss eines Beschuldigten aus dem Priesterstand führen können. Auch dürfe er nicht zum "Sündenbock" für Fehler der katholischen Kirche gemacht werden, betonte der Richter.

Wegen weltweiter Missbrauchsskandale steht Papst Franziskus derzeit stark unter Druck, hart gegen Täter in den eigenen Reihen vorzugehen. Ein historisches Gipfeltreffen im Vatikan mit den Spitzen der Bischofskonferenzen der Welt ging Ende Februar allerdings ohne konkrete Massnahmen zu Ende.

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