"Shoah"-Regisseur Lanzmann gestorben"

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Der Regisseur des mehrfach preisgekrönten Films von 1985 wurde 92 Jahre alt, wie sein Verlag Gallimard in Paris mitteilte.

Claude Lanzmann beginnt seine Erinnerungen "Der patagonische Hase" mit den Schreckensträumen des Kindes, das sich guillotiniert, gar der Länge nach zersägt in seinen Träumen wiederfindet, nachdem er einmal während eines heimlichen Kinobesuchs auf der Leinwand die Guillotine in Aktion gesehen hatte.

Mit seinem vielstündigem Film "Shoah" ist Lanzmann der entscheidende Einschnitt in die Filmgeschichte der Shoah-Repräsentation gelungen. Darin ließ er nicht nur Opfer, sondern auch Täter des Holocausts in Interviews zu Wort kommen.

Mit seiner fast zehnstündigen Zeitzeugen-Dokumentation "Shoah" über den Völkermord an europäischen Juden hat Lanzmann Geschichte geschrieben.

Der französische Filmemacher und Schriftsteller Claude Lanzmann ist tot. Shoah ist ein Film über Tod an der äußersten Grenze der Menschlichkeit.

Die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo würdigte Lanzmanns "unbedingten Glauben an die Fähigkeit des Menschen, Gutes zu tun". "Seine Filme sind Filme gegen das Verschweigen, Verdrängen und Vergessen", so Christoph Heubner vom Internationalen Auschwitz Komitee.

Die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem erklärte in Jerusalem, die neunstündige Dokumentation habe das Gedenken an die Judenvernichtung weltweit dramatisch verändert. "Was da geschehen ist, hätte nicht geschehen können ohne einen allgemeinen Konsens der deutschen Nation", argumentierte er 1985 in einem Interview.

Der in Paris als Kind einer seit dem 19. Jahrhundert in Frankreich ansässigen jüdischen Familie geborene Claude Lanzman hat den Antisemitismus früh kennengelernt, sich aber offenbar nie als Aussenseiter empfunden. Claude Lanzmann hatte sich im Alter von 17 Jahren der Résistance angeschlossen und in der Auvergne gegen die deutschen Besatzer gekämpft. Als Jugendlicher engagierte er sich in der kommunistischen Jugendbewegung Frankreichs, der französischen Widerstandsbewegung, er studierte Philosophie und war Lektor an der Freien Universität Berlin. Schließlich hatte Lanzmann lange als Journalist für verschiedene Medien gearbeitet, darunter auch für die von Sartre gegründete Zeitschrift "Les Temps modernes". Mit de Beauvoir verband ihn zudem jahrelang eine sehr enge persönliche Beziehung, aus der eine Freundschaft bis zum Tod der Autorin und Philosophin wurde.

Sein eigentliches Thema aber fand er als Filmemacher mit der Rückbesinnung auf sein Judentum und auf den Holocaust. Und wenn von Liebe die Rede war, dann galt diese Liebe nicht nur schönen Frauen, sondern vor allem dem Staat Israel, den Lanzmann von Anfang an gegen alles und jeden verteidigt hat. So etwa in "Der Letzte der Ungerechten" den er erst 2013 präsentierte und in dem er sich mit Benjamin Murmelstein, dem letzten Vorsitzenden des Judenrates von Theresienstadt beschäftigt und letztendlich mit dessen Rehabilitation. "Der Film zeigt die absolute Grausamkeit des Nazi-Regimes", so Lanzmann. "Es gibt nur das Leben".

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